Auf zur Rotwildfütterung

Es ist wieder soweit: Jedes Jahr Ende Januar geht's auf Exkursion an den Spitzingsee. Am Sonntag Nachmittag um 13:30 Uhr treffen wir uns bei Bilderbuchwetter an der Schranke bei der Wurzhütte.
Es ist gar nicht einfach, einen Parkplatz zu ergattern, denn es wimmelt nur so von Wintersportlern.
Nach und nach trudeln alle ein, schnell noch auf der Stundenliste unterschreiben, dann kann es los gehen.

Revierförster Bernhard Reißner heißt uns herzlich willkommen im Bergwald rund um den Spitzingsee. Er hat einen riesigen Rucksack und jede Menge Infos mit gebracht.

Alle sind dick eingepackt in warme Wintersachen. Die Erwartungen sind groß.

Zunächst wandern wir mit Blick auf den traumhaften Winterwald Richtung Valepp. Bernhard Reißner legt ein ziemliches Tempo vor. Da kommen selbst Donna und Dodo kaum mit. Der Weg ist teilweise spiegelglatt. Da muss man ganz schön aufpassen, um nicht auf dem Allerwertesten zu landen.
Der Weg bis zur Schaufütterung ist nicht lang und in einer knappen halben Stunde stehen wir vor dem Eingang zum Wintergatter. Dort erklärt uns Bernhard Reißner, warum der Bergwald etwas ganz besonderes und viel aufwändiger zu bewirtschaften ist, als Wald im Flachland.

6000 ha Fläche bewirtschaftet Revierförster Bernhard Reißner im Berggebiet, 1500 ha davon sind so genannte Sanierungsflächen. In seinem Bergwald werden 6000 Festmeter Holz eingeschlagen. Der Festmeter entspricht einem Kubikmeter Holzmasse ohne die Zwischenräume. Errechnet wird das durch die Stammlänge und den Stammdurchmesser.
6000 Fm sind wenig im Vergleich zu einem Forstrevier im Flachland, dort holt man von der gleichen Fläche mehr als das Doppelte, etwa 15 000 Fm.

Die geeigneten Baumarten hier im Spitzinggebiet:
Fichte, Tanne, Buche, also die Arten des klassischen Bergmischwaldes, Lärche, Bergahorn, Esche, Mehlbbere und Kiefer. In einigen Revierteilen ist auch die Eibe zu finden.

Im Bergwald braucht man viel Geduld, bis aus dem Jungwuchs große Bäume werden. Bergwald wächst ein Baum jedes Jahr 1 cm bis max 30 cm, im Flachland 10 bis 100 cm. Das heißt, eine 1 Meter hohe Fichte etwa, die im Flachland vielleicht 8 bis 10 Jahre alt ist, bringt es im Gebirge durchaus bis zu einem Alter von 40 Jahren. So langsam wächst das Holz. Deshalb ist es auch besonders hochwertig, weil es sehr enge Jahresringe hat und sehr gleichmäßig wächst.

Noch etwas ist im Berwald anders als im Flachland- Forst: Die Pflanzung junger Bäume ist extrem schwierig und teuer: Jedes Bäumchen, das gepflanzt wird, kostet 3 bis 5 Euro. Da geht eine Aufforstung schnell in die Hunderttausende.
Teuer und schwierig ist auch die Bewirtschaftung auf den Steilhängen, die teilweise nur mit der Seilwinde besarbeitet werden kann. So wie auf dem Hang gegenüber der Fütterung etwa, dort gibt es keinerlei erschlossene Forstwege, auf der Holzerntemaschinen fahren könnten.
Hinzu kommt: Im Raum Schliersee und Spitzingsee erfüllt der Bergwald vor allem eine Schutzfunktion, Schutz vor Lawinen und Steinschlag. Schließlich muss die Spitzingstraße das ganze Jahr über gut befahrbar sein. Die Gemeinde lebt fast ausschließlich vom Tourismus. Über 17 000 ha der Fläche vom Forstbetrieb Schliersee gelten als so genannter Schutzwald.

Wegen des langsamen Wachstums der Bäume, wegen der hohen Kosten für die Verjüngung der Wälder und zum Erhalt des Schutzwaldes, kommt der Jagd im Bergwald besondere Bedeutung zu.
Im Forstbetrieb Schliersee ein ausgefeiltes Jagdmanagement-System.
Die wichtigsten Schwerpunkte dieses Sytems heißen: Rehwild wird intensiv bejagt.
Für die Rotwildjagd werden zeitliche Intervalle festgelegt. Das heißt, für Rotwild gelten lange Schonzeiten und eine relativ kurze, intensive Jagdzeit. Außerdem wurden Jagdruhezonen eingerichtet. Gamswild schließlich wird auf den Almböden nicht bejagt, sondern nur in den Waldgebieten.

Neben der Jagd ging es natürlich auch noch um viele andere Belange, die dem Förster im Bergwald zu schaffen machen. Der Borkenkäfer zum Beispiel, dem mittlerweile auch im Bergwald viele Bäume zum Opfer fallen, oder der Klimawandel, der den Fichten im Gebirge teilweise den Garaus macht.
Revierförster Bernhard Reißner erklärt uns, wie sich der Borkenkäfer in den Bast zwischen Borke und Holz einnistet und die Wasserzufuhr des Baumes zerstört. Von den Käfern, die sich in einem einzigen befallenen Baum entwickeln können 100 neue Bäume befallen werden.

Nachdem alle Fragen rund um den Wald erst einmal geklärt sind, geht es zur Wildfütterung. Berufsjäger Engelbert Holzner ist gekommen. Er sperrt das große Tor auf. Gemeinsam stapfen wir den steilen Anstieg zur Aussichtshütte hinauf.
Auch eine Menge Besucher sind gekommen, wir richten uns in der Schauhütte ein.

Jeden Tag um 15:00 Uhr legt der Berufsjäger Engelbert Holzner dem Rotwild Futter vor.
In den kalten und schneereichen Monaten findet das Rotwild in höheren Lagen nicht mehr genug Nahrung. Normalerweise machen sich die Tiere dann auf den Weg in flachere Regionen. Früher wanderte das Rotwild in die Talniederungen entlang der Flussauen bis zu den Isarauen. Heute haben Besiedlung und Verkehrswege diese Routen abgeschnitten, das Rotwild muss im Winter im Gebirge bleiben.

Während wir in der Hütte auf Beobachtungsposten gehen, füllen Engelbert Holzner und seine Helfer die Raufen. Vorgelegt werden Maissilage und Grassilage als so genanntes Saftfutter und Heu, aber auch Eicheln und Kastanien stehen auf dem Speiseplan.
Rotwild braucht viel Rohfaser und Struktur im Futter. Es darf auf keinen Fall gemästet werden. Das Wild hat im Winter den Stoffwechsel heruntergefahren und lebt normalerweise vom Feist, also von seinen Fettreserven, die es sich im Herbst angefressen hat.
Je nach Umgebung und Witterung nimmt ein ausgewachsener Hirsch täglich bis zu 20 Kilo Futter auf. Pro Tag braucht ein Tier außerdem ungefähr 10 Liter Wasser, das heißt, im Wintergatter muss es unbedingt Zugang zu einem Bach geben, sonst sind Schälschäden programmiert.
Noch schnell ein heißer Schluck Tee zum Aufwärmen.

In der Hütte ist es still geworden. Alle warten gespannt, ob sich Wild einstellen wird.
Noch ist nichts zu sehen. Doch dann, kommen die ersten langsam und vorsichtig den Berghang herunter. Noch muss man ganz genau hinschauen. Nach und nach kommen sie näher. Dann sind sie da:

Im Gatter am Spitzingsee überwintern etwa 45 Tiere. Ihnen steht eine eingezäunte Fläche von 27 Hektar zur Verfügung, das entspricht etwa 5000 qm pro Tier. Der schneestabile Zaun ist 2 Meter hoch. Im Januar werden die Tore dicht gemacht, aber über so genannte Einsprünge kann das Wild auch später noch zu den Futterplätzen kommen.

Der Zaun schützt das Wild im Winter vor Störungen. Im Frühjahr dagegen hält er Hirsche und Kahlwild zurück, um die frischen Austriebe im Bergwald vor Verbiss zu schützen. Erst im Mai, sobald die Gräser ausgetrieben haben, wird das Rotwild wieder in die freie Natur entlassen.

Zunächst äst das Rotwild nur an den großen Raufen, die etwas weiter entfernt sind. Doch dann kommen die ersten auch in unsere Nähe. Nach und nach stellen sich die Tiere an allen Futterplätzen ein: Mächtige Hirsche, junge Kälber, erfahrene Alttiere und halbwüchsige Spießer, die männlichen Junghirsche. Das Warten hat sich gelohnt. Der Anblick ist faszinierend, die Hirsche sind kaum 50 Meter von uns entfernt.
Viele Futterstellen sind wichtig, damit auch die schwächeren Tiere in der Hierarchie ausreichend äsen können.

Wir üben uns im Ansprechen, Engelbert Holzner erklärt, woran man den alten vom jungen Hirschen unterscheiden kann. Wir lernen Paula, die alte Hirschkuh kennen. Sie hat einen hellgrauen, langgezogenen Kopf und ist um die 20 Jahre alt. Rechts im Bild ein Kalb, gut zu erkennen, an seinem kurzen Kopf.
Der Tagesablauf der Tiere ist klar strukturiert: Nahrungssuche - Fressen - Wiederkäuen - Ruhen. Insgesamt verbringt Rotwild bis zu sieben Stunden mit der Nahrungsaufnahme.

Hier: Ein Hirsch im zweiten Kopf.
Während wir die Tiere beim Äsen beobachten, erzählt Berufsjäger Engelbert Holzner etwas über die Geweihbildung. Er hat zwei Abwurfstangen mitgebracht.
Die Geweihbildung beim Hirsch ist hormongesteuert. Der Hormonspiegel ist abhängig von der Sonneneinstrahlung und der Tageslichtlänge.
Jetzt, wenn die Tage länger werden, nimmt der Gehalt an Testosteron ab, während der Gehalt an Wachstumshormonen ansteigt. Mit den Wachstumshormonen wächst das neue Geweih und schiebt sozusagen das alte ab. Hirsche werfen im März ab.

Erst nach der Sommersonnenwende, wenn die Tage wieder kürzer werden, geht das Wachstumshormon im Körper der Hirsche wieder zurück, gleichzeitig steigt der Gehalt an Testosteron an. Wenn das Geweih vollständig ausgebildet ist, ist der Testosteron-Gehalt beim Hirsch am höchsten. Unmittelbar danach beginnt die Brunft.

An den Abwurfstangen üben wir uns anschließend noch im Ansprechen und in der Klasseneinteilung der Hirsche
Bis zum dritten Kopf, also bis zum vierten Lebensjahr gehört der Hirsch in Klasse 3. Bis zum 10. Kopf spircht man von Klasse 2 - Hirschen, danach sind es Einser-Hirsche. Genau hinschauen muss man vor allem auf die Kronen, denn Kronenhirsche werden auf den meisten Jagden nicht frei gegeben.

Der rechte Hirsch von diesen beiden hat eine Verletzung am Lauf, er schont ihn stark. Sichtbar ist das auch am Geweih. Die eine Stangen ist deutlich schwächer ausgebildet als die andere. Die schwache Stange ist links, der kranke Lauf rechts.

Bernhard Reißner mit seiner Wachtelhündin Ronja.

Wir können uns kaum losreißen. Begeistert hätten wir beinahe die Zeit vergessen. Doch es wird höchste Zeit zu gehen, denn der nächste Programmpunkt darf auf keinen Fall zu kurz kommen. Ziel: Die Albert Link Hütte.
Dort wartet eine köstliche Brotzeit aus Wildspezialitäten und selbst gebackenem Brot. Die Wirtsleute Ute Werner und Uwe Gruber haben extra das Nebenzimmer für uns hergerichtet und verwöhnen uns nun mit den feinsten Leckerbissen. Vielen Dank für Eure Gastfreundschaft.

Spendiert hat den leiblichen Genuss übrigens der Münchner Jägerverein, herzlichen Dank an unseren Vorsitzenden Claus Emig. Bedanken möchten wir uns auch ganz herzlich beim Revierförster Bernhard Reißner und beim Berufsjäger Engelbert Holzner, die sich beide für uns trotz Sonntag Zeit genommen haben und natürlich auch bei den Bayerischen Staatsforsten, dem Forstbetrieb Schliersee, der uns alle Jahre wieder zum Besuch ins Revier Spitzing einlädt. Alle sind sich einig: Die Exkursion zur Rotwildfütterung war wieder einmal ein Highlight im Ausbildungsjahr.